Kino in Karlsruhe im Jahr 1915

Aus Anlass des 300. Stadtgeburtstag bewilligte uns die Stadt Karlsruhe die Durchführung eines Projekts, das alle Filmvorführungen in Karlsruhe vor 100 Jahren, also im Jahr 1915, erfassen sollte. Zweck dieser umfangreichen Datenerfassung sollte sein, eine Basis zu gewinnen, um das Kino in der Stadt Karlsruhe besser verstehen zu können, und vor allem von den oft sehr allgemeinen Beschreibungen der Filmgeschichtsschreibung zu konkreten und nachprüfbaren detaillierten Daten zu kommen. Es sei nur ein Beispiel genannt: die Angaben darüber, wie stark der Anteil der französischen Filme am deutschen Markt waren, schwanken je nach Quelle erheblich; einig ist man sich allerdings darin, dass die französischen Filme eine deutliche Mehrheit ausmachten.

Unsere Datenerfassung macht nun nachprüfbar, wie sich der Anteil der französischen Filme im Laufe des Jahre 1915 konkret änderte. Bei der Datenerfassung erlebten wir immer wieder kleine Überraschungen, z. B. wenn wir feststellen konnten, dass noch im Janaur 1915 ein Film im Kino lief, der aufgrund des angebrachten Logos eindeutig als Gaumont-Film erkennbar ist (siehe folgende Abbildung).

 

Anzeige im KT am 18. 1. 1915

 

Anzeige im Karlsruher Tagblatt, 18. Januar 1915

 

Auch die häufig gestellte Genre-Frage lässt sich zumindest in der Tendenz beantworten: die Komödien verschwinden durchaus nicht, auch wenn die Zensur-Behörden immer wieder den „Ernst der Zeiten“ betonen. Im Laufe der Datenerfassung ist uns der hohe Anteil an italienischen Filmen aufgefallen. Gelegentliche Vergleiche mit der online leicht zugänglichen „Magdeburger Volksstimme“ zeigten, dass dort bedeutend weniger italienische Filme liefen. Eine Erklärung könnte darin bestehen, dass im süddeutschen Verleihbezirk, konkret in Freiburg mit dem Weltkinematographen eine Firma beheimatet war, die enge Kontakte und Geschäftsbeziehungen nach Italien hatte.

 

Anzeige KT Pasquali Freundschaft

 

Anzeige im Karlsruher Tagblatt, 6. März 1915
( OT: Gli spazzacamini del val d'Aosta, Italien 1914,
P: Pasquali & C., Torino, R: Umberto Paradisi)

 

Weitere Detailfragen sollen hier nicht erörtert werden. Dazu möchten wir auf die Darstellung des Projekts im Katalog des 13. Stummfilmfestivals Karlsruhe „Geschichte und Film“ verweisen. Unsere Datenerfassung mündete in die Durchführung eines „Karlsruher Tages“ im Rahmen des Stummfilmfestivals; den Höhepunkt stellte das Programm mit den beiden Filmen „Der fremde Vogel“ von Urban Gad mit Asta Nielsen und „Der Stolz der Firma" von Carl Wilhelm mit Ernst Lubitsch dar, die am 15. September 1915 im Residenz-Theater gezeigt worden waren.

 

Anzeige im KT am 15. 9. 1915

 

Anzeige im Karlsruher Tagblatt, 15. 9. 1915

 

 

 

Unsere Untersuchung ordnet sich ein in den Kontext lokaler und regionaler Filmgeschichtsschreibung. Wir möchten hier einen Aspekt hervorheben, der unserer Ansicht nach bisher zu wenig beachtet wurde. Die Erfassung der Zeitungsanzeigen erbrachte immer wieder Angaben zu Filmen, Darstellern usw., die in den existierenden Nachschlagewerken nicht vorhanden waren. Dies sind in der Regel nur Details; jedoch sollte klar sein, dass die Filmografien zahlreicher Personen des Filmbetriebs, Darsteller, Crew-Mitglieder usw. unvollständig sind. Je systematischer die vorhandenen Quellen, auch die Zeitungsanzeigen, ausgewertet werden, desto mehr Details können erfasst werden. Dazu müssen oft Anzeigen aus mehreren Quellen miteinander verglichen werden, um dann schließlich eine Filmografie ergänzen zu können.

 

Ein Beispiel sei hier genannt; es stammt zwar nicht aus dem Jahr 1915, das ändert jedoch nichts an der Relevanz des Vorgehens. In der Anzeige der Kammerlichtspiele Magdeburg vom 28. März 1919 wird mit einer großen Abbildung für Lubitsch' "Carmen" geworden. Darunter ist zu lesen, dass auch ein Film mit Anna Müller-Lincke gezeigt wird. Nun, der genannte Filme „Mädel klein, Mädel fein“ (eine bekannte Operetten-Melodie) war zwar auf filmportal.de aufgeführt, aber Cast-Angaben fehlten vollständig; und auch in der Filmografie von Anna Müller-Lincke war der Film nicht gelistet. Jedoch waren die Akt-Angaben in Anzeige und auf filmportal.de identisch, so dass es sich also wirklich um ein und den selben Film handelt.

So konnten also mit Hilfe dieser Anzeige die Filmografie der Schauspielerin und die Cast-Angaben des Films ergänzt werden.

 Anzeige Magdeburger Volksstimme, Nr. 74, 28. März 1919

 

 Anzeige in der Magdeburger Volksstimme, Nr. 74, 28. März 1919

 

Im übrigen wurden alle Daten der Karlsruher Aufführungen in die German Early Cinema Data Base eingegeben. Wir haben über 1000 in Karlsruhe gezeigte Filme identifizieren können; die GECD enthält jetzt über 300 Programmeinträge aus Karlsruhe.


Die Programmeinträge der Karlsruher Aufführungen können Sie HIER direkt erreichen (Link zur GECD).

 

Die Startseite der GECD erreichen Sie HIER.

 

Schließlich möchten wir den Personen danken, die uns bei der Vorbereitung und Durchführung des Projekt beraten haben. Dies waren:

  • Professor Dr. Joseph Garncarz, Universität Köln / German Early Cinema Database
  • Dr. Marianne Lewinsky-Sträuli, Festival Cinema Ritrovato Bologna /Zürich
  • Professor Dr. Martin Loiperdinger, Universität Trier
  • Professor Dr. Jörg Schweinitz, Universität Zürich.

Die Projektleitung lag bei Josef Jünger und Stefanie Tieste; bei der Durchführung des Projekts und der Datenerfassung wirkten ferner mit:  Jasmin Sille und Halil Kekilli.

Der Stadt Karlsruhe und der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg danken wir für die gewährte Förderung, ohne die das Projekt nicht hätte realisiert werden können.

 

Abbildungen Karlsruher Tagblatt: Mit freundlicher Genehmigung des Stadtarchivs Karlsruhe;

Anzeige Magdeburger Volksstimme: Mit freundlicher Genehmigung der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, Halle